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Entsetzen spiegelte sich in den Augen von Frau Bäuerle wider, als sie sich über das halbvolle Achtele-Glas hinweg verschwörerisch ihrer Freundin zuneigte. “Jetzt stell dir einmal vor, was mir geschtern die vom Stammtisch gewwe han”, hauchte sie die ihr gegenüber sitzende Hermine Hächele an und wie immer, wenn sie sich in einem Zustand höchster Erregung befand, redete sie in einer seltsamen Mischung aus Schwäbisch und Hochdeutsch. Hermine Hächele war ebenso wie ihre langjährige Freundin Berta Bäuerle das, was man eine lebenserfahrene Frau nennt, und entsprechend leicht fiel es ihr, sich vorzustellen, was die Herren vom Stammtisch ihr zugesteckt haben könnten. Sie wagte nur nicht es auszusprechen.
Frau Bäuerle wartete eine etwaige Antwort gar nicht erst ab, sondern kramte flugs eine ziemlich zerknitterte Illustrierte aus ihrer Handtasche hervor und schlug den Mittelteil mit der farbigen Doppelseite auf.
“Do guck noh! Des isch doch unglaublich! Un do weiß ich überhaupt nix davon. Ich kann mir gar net vorstelle, wann des Foto entschtande isch.”
“Ach, du meine Güte”, entfuhr es Hermine Hächele, die mit halb geöffnetem Mund auf das Bild starrte. “Und Du woisch net, wer des gmacht hat?”
“Noi.”
“Un wie des do neikommt?”
“Noi.”
“Un jetzt?”
“Jetzt mach i mir Gedanke”, jammerte Berta Bäuerle, die schwäbische Heimatdichterin, die seit fast 20 Jahren vornehmlich auf der Insel Santorin in Griechenland lebte. “I muß den, der des Foto gmacht hat, kenne. I muß den selber ins Haus gelassen haben. Aber i woiß ums Verrecke net wers war.”
“Steht nix dabei?”
“Noi.”
“Hasch en Verdacht?”
“Noi.”
“Und was steht do dabei?”
“Inselhipfen in Griechenland heißt die Iwwerschrift.”
Letzteres hörte ein Gast am Stammtisch, der schon etliche Viertele vom neuen Roten intus hatte und sich durch die seltene Gabe auszeichnete, bei jedem Thema mitreden zu können. So auch in diesem Fall. “Kalinichta, machs Licht a”, stieß er laut hervor, bevor er scheppernd lachte. Es störte ihn nicht im geringsten, daß die vermutlich einzige griechische Vokabel, die er kannte, in diesem Zusammenhang ebenso unpassend war wie seine deutsche Übersetzung dazu. Frau Bäuerle dämpfte ihre Stimme, als sie wiederholte: “ I muß den, der des gmacht hat, in mei Haus neiglasse hawwe. Es muß sich um jemand handle, den i kenn. Aber wer? Wer kann des Foto gmacht hawwe? Des isch doch e Unverschämtheit.”
“Un dann bringe die des au no so groß in derre - wie heißt die Zeitschrift?”
“Irgendwas mit Revue, awwer net Griechenland-Revue”, erklärte Frau Bäuerle sichtlich nervös und am Stammtisch regte es sich erneut.
“Kalinichta, machs Licht a.”
Den Spruch hörte man noch einige Male an diesem Spätnachmittag in der Weinstube “Blutbeck” mitten im Herzen von Waiblingen. Wie man auch Frau Bäuerle sich noch etliche Male laut darüber wundern hörte, daß sie den Fotografen selbst in ihre santorinische Wohnung gelassen haben mußte.
“Und wenn mirs Ihne net zoigt hättet, hättet ses gar net gseh”, rief ein Trollinger-Trinker durch die mittlerweile arg alkohol- und zigarrengeschwängerte Luft vom Stammtisch herüber, was Frau Bäuerle als einigermaßen peinlich empfand, wenngleich sie sich nichts anmerken ließ. Irgendwann gesellte sich auch die Wirtin Arminia Blutbeck zu den Frauen Bäuerle und Hächele. Einerseits, um zwei neue Achtele zu kredenzen, andererseits um endlich selbst einen Blick auf das ominöse Foto werfen zu können. Nachdem die beiden Damen einige denkbare Begleitumstände wie Erpressung und Einbruch sowie zwei Butterbrezeln durchgekaut hatten, gestattete Frau Bäuerle der “Blutbeck”-Wirtin den ersehnten Einblick.
“Do gucket se noh. Ein zweiseitiges Bild von meinere Terass in Santorin. Des isch mein Stuhl, des sind meine Pflanze. Und die stehe nur auf dem Geländer, wenn ich daheim bin. Also daheim in Griechenland.”
“Kalinichta, machs Licht a”, röhrte es wieder vom Stammtisch herüber, während die Wirtin ziemlich verdutzt dreinschaute.
“Mit ällem hätt i grechnt, awwer dohdemit net.”
Kopfnickend pflichteten ihr Frau Bäuerle und Frau Hächele bei.
“Jaja, die Welt ischt schlecht”, summten sie fast wie im Chor.
Da betrat ein junger gutaussehender Mann das Lokal. Er hatte zwei Knöpfe mehr am Hemdkragen geöffnet als die rotnasigen Zecher am Stammtisch, obwohl er keinen so dicken Hals besaß. Seine modische Sonnenbrille, die er auch im Lokal nicht abnahm, verriet ihn sofort als Auswärtigen. Suchend schaute er sich um, dann steuerte er zielstrebig auf Frau Bäuerle zu. Dachte zumindest Frau Bäuerle, doch in Wirklichkeit war Frau Hächele sein Anlaufpunkt, was Frau Bäuerle, als sie dessen gewahr wurde, fast ein wenig eifersüchtig stimmte. Die Eifersucht machte jedoch schnell anderen Gefühlen Platz, als sie hörte, was der schöne fremde Mann zu Frau Hächele sagte: “Endlich habe ich Sie gefunden. Herbst mein Name, Heribert Herbst von der Freiwild Revue”, er deutete eine Verbeugung an, “ich soll Ihnen die zweite Rate für die Fotos von Santorin überbringen. Hier ist das Geld und wenn Sie da bitte quittieren würden.”
Frau Hächele wurde blaß und blasser im Gesicht, während sich Frau Bäuerles Antlitz rötlich färbte. “Wollet Sie damit sagen, junger Mann, daß mei Freindin, die Frau Hächele, Ihne die Aufnahmen von meinere Terass vermacht hat?”
“Ja, aber - aber die sind doch sehr hübsch geworden”, stotterte der Geldüberbringer verlegen, “nur die Nacktfotos von Ihnen konnten wir beim besten Willen nicht verwenden.”
“Hermine, ich bin entsetzt”, schrie Frau Bäuerle und griff in ihre Handtasche. Hervor zog sie eine Pistole, die wie ein Feuerzeug aussah, aber keines war, sondern echt. Ein Schuß, ein Schrei, ein Mensch sinkt sterbend darnieder. Es bildet sich ein Blutfleck im “Blutbeck”. Frau Bäuerle läßt die Pistole fallen und umklammert stattdessen die reglose Frau Hächele. “Von so einem wie dem lassen wir uns unsere Freundschaft nicht kaputt machen, Hermine. Er hat es nicht besser verdient”, tröstet sie ihre völlig verschreckte Freundin.
Vom Stammtisch ruft jemand: “Calamares, das war es.”
Und nach einer kurzen Pause atemloser Stille: “Frau Blutbeck, zahle! I muß hoim, de Krimi fangt glei oh.” |